Ruediger Dahlke im Interview zum Thema Seeleninfarkt

Seeleninfarkt: Zwischen Burn-out und Bore-out – wie unserer Psyche wieder Flügel wachsen können. Ein Gespräch mit dem Autor Dr. Ruediger Dahlke.

In Ihrem neuen Buch ‚Seeleninfarkt’ beschäftigen Sie sich mit den Faktoren, die unsere Seele durch Überarbeitung und Abstumpfung, Stress und Apathie niederzwingen.

Ruediger Dahlke: Ja - in meinem neuen Buch geht es um Burn-out und Bore-out und damit um die Polarität zwischen Überlastung und Langweile. Beides kann in den Seeleninfarkt führen. Tatsächlich kann man sich nicht nur zu Tode schuften, sondern auch langweilen. Da es immer mehr Burn-out und Bore-out-Opfer gibt und diese immer jünger werden – inzwischen trifft es auch Menschen Anfang Dreißig – rollt eine Riesenlawine von Betroffenen auf uns zu.


Warum verlieren auch immer mehr junge Menschen Ihren Halt?

Ruediger Dahlke: Diese Entwicklung hat aus meiner Sicht zwei Ursachen. Der Druck in der Arbeitswelt ist so gewaltig, dass immer weniger Menschen ihm gewachsen sind und aufgeben. Zeit zum Innehalten gibt es nicht und auch der Inhalt der Arbeit an sich geht immer mehr verloren. Lebensarbeitsstellen verschwinden und die Leiharbeit nimmt drastisch zu. Dadurch verlieren Arbeitnehmer zunehmend ihre sozialen Bezüge. Profitorientiert werden sie von Unternehmen und Arbeitsvermittlern zwischen verfügbaren Arbeitsstellen hin und her geschoben und das Ergebnis sind Halt- und Sinnlosigkeit, die in eine Erschöpfungsdepression münden kann.


Unternehmen weichen die sozialen und arbeitsrechtlichen Errungenschaften immer mehr auf, forcieren den Wandel von Festangestellten zu Wanderarbeitern und schaffen dadurch ein Heer von Kranken?

Ruediger Dahlke: Natürlich könnt man aus gewerkschaftlicher Perspektive sagen: Die Bosse sind schuld! An dieser Sichtweise ist durchaus auch etwas dran. Unternehmen lassen sich gern von Firmen wie Roland Berger oder Price Waterhouse strategisch beraten. Die aber fokussieren nur die Steigerung des Unternehmenswerts und setzen dafür die effizienteste Maßnahme, den rigorosen Abbau von Arbeitsplätzen, ein. Und die wenigen verbliebenen Arbeitnehmer werden auf Mehrarbeit getrimmt und das bei gleichbleibender oder besser noch weniger Bezahlung. Eine solche Vorgehensweise erhöht natürlich die Dividende und den Shareholder Value. Die Unternehmen gewinnen, die Menschen aber fallen hinten runter.


Das heißt, wir brauchen eine ökonomische Revolution, eine Rückführung zu vormalig existenter unternehmerischer Verantwortung für die Mitarbeiter?

Ruediger Dahlke: Jein - die alleinige Anschuldigung der Unternehmen greift zu kurz. Es geht um etwas Tieferes. Die Entwicklung in unserer Beziehungswelt, in unserem religiösen Verständnis und vielen anderen Lebensbereichen verläuft parallel zu der in unserer Arbeitswelt. Früher gab es die Lebensarbeitsstelle, heute die Zeitarbeit, entsprechend gab es früher die ‚Bis-das-der-Tod-Euch-scheidet-Ehe und heute den One-Night-Stand. Dieser Prozess erfolgte Stufenweise – erst Sippe, dann Großfamilie, dann Kleinkindfamilien, dann Dinks – double income no kids -, dann Singles und heute die Singles, die One-Night-Stands zur Beziehungsphilosophie erhoben haben.
Unsere Beziehungsfähigkeit ist abhanden gekommen.

Wir sind Einzelkämpfer mit bedingter Empathie, leiden unter Vereinsamung und fördern sie gleichzeitig?

Ruediger Dahlke: Wie in unserem Arbeitsleben gibt es auch in unseren Beziehungen keine Verlässlichkeit mehr. Sie werden immer kürzer und das Verantwortungsbewusstsein für den anderen immer geringer. Keiner pflegt seine lockere Abendbekanntschaft nach einem One-Night-Stand, wenn diese krank wird. Gegenliebe gibt es nur, wenn die Performance stimmt nach dem Motto: Melde dich doch, wenn du wieder gesund bist. Dann können wir wieder Spaß miteinander haben.


Wo aber findet dann noch Verständnis, Beziehung, Wertespüren statt – in der Religion?

Ruediger Dahlke: Leider ist auch die institutionalisierte Religion ein Beispiel für die Parallel-Entwicklung auf vielen Ebenen. Die katholische Kirche hat einen Beichtcomputer angeschafft. Der ermöglicht eine schnelle Beichte und entlastet die überarbeiteten Priester, die oft mehrere Gemeinden betreuen müssen. Das zeigt, dass auch im seelsorgerischen Bereich der Druck größer wird. Kürzlich hat mich ein Priester gefragt: ‚Wie soll ich zwanzig Krankenbesuche in zwei Stunden machen? Das kann ich als Seelsorger nicht. Das können vielleicht Ärzte.’ Ich widersprach: Mediziner und Medizyniker machen das. Ärzte müssen sich auch länger Zeit nehmen, wie die Seelsorger. Aber die Zeit gibt es nicht.

Wenn es auf allen Ebenen eine Parallel-Entwicklung gibt, wo liegt dann der Ausweg, die Lösung aus dem Dilemma?

Ruediger Dahlke: Dass wir immer mehr in den Augenblick gezwungen werden. Die Zeiten werden für alle Dinge unseres Lebens immer kürzen und deswegen sollten wir von den Buddhisten lernen, ganz entspannt im Hier und Jetzt zu leben. Wir aber sind ganz verspannt im Wenn und Aber und erleiden deswegen zunehmend Burn-out bis hin zur Depression; eben bis zum ‚Seeleninfarkt’, wie ich diesen Zustand nennne. Der Herzinfarkte ist uns mittlerweile geläufig. Jetzt aber brechen immer mehr Seelen zusammen und die Betroffenen landen in einer schrecklichen Apathie bis hin zur Selbstmordgefährdung. Sie bevorzugen übrigens die Diagnose Burn-out. Lieber hat man sich für ein Unternehmen ‚verbrannt’ als sich, wie bei der Depression, völlig alleingelassen zu fühlen.


Unsere Seelen müssten nicht zusammenbrechen, wenn sie im Hier und Jetzt fruchtbare, heilsame Nahrung bekommen.

Ruediger Dahlke: Die elementare Herausforderung ist: Sinnfindung und wieder in den Augenblick zu gehen, ganz rein in den Moment. Worum geht es für mich in diesem Leben? Mit wem? Zu welchem Ziel? Bei der Beantwortung dürfen wir nicht länger auf ein Überleben setzen. Natürlich können wir existieren, ohne immer wieder in den Moment einzutauchen, aber nicht auf ewig. Arbeit kann Lebenssinn geben, aber nur dann, wenn sie Berufung ist, und das ist selten. Eher fallen Rentner nach dem Wegfall der Arbeit als Tagesbeschäftigung und Rhythmusgeber in ein Loch. Auch Familie kann nicht den alleinigen Sinn spenden. Das verdeutlicht das ‚leere-Nest-Syndrom’, unter dem meistens Mütter leiden, die ihre Daseinsberechtigung und Energie jahrelang nur auf die Kinder fokussiert haben. Verlassen die Kinder das Haus, erleiden die Mütter einen Seeleninfarkt.


Gibt es praktische, für jeden durchführbare Maßnahmen, die helfen, sich neu zu orientieren?

Ruediger Dahlke: In meinem Buch ‚Seeleninfarkt’ gebe ich eine Vielzahl praktischer Schritte in ein erfülltes Leben an. Dazu gehören Schwingungsfelder nutzen, sich innere Heilbilder schaffen, Eigentherapie mit geführten Meditationen machen und Glück und Wohlbefinden essen. Wir würden unser Leben enorm erleichtern, wenn wir nicht das Fleisch von Tieren essen, die während ihrer Aufzucht oft monatelang gelitten haben. Der Weinkenner achtet auf die Schwingung in seinem Wein, auf die Hanglage und Sonneneinstellung und dann isst er dazu ein Stück Schwein, das monatelang gequält worden ist, in dessen Fleisch Todesangst vom Schlachten steckt. Das ist unverständlich und „Peace-Food" dafür die Lösung.


Es geht also in ‚Seeleninfarkt’ um den Unterschied zwischen Leben und Überleben und um Wiederentdeckung des Lebenssinns mit Hilfe von Präventions- und Therapieprogrammen.

Ruediger Dahlke: Ja - der Schlüssel zur Gesundung liegt in einer achtsamen und beseelten Lebensführung, die auf ein bewusstes Ankommen im Hier und Jetzt zielt. Wir brauchen einen übergeordneten Sinn, der aus meiner Perspektive im Spirituellen, im Religiösen liegt. Kulturen, die sich hier geborgen fühlen, kennen weder Burn-out, Bore-out noch Depression. Meine Präventions- und Therapieprogramm umfasst Meditationen und Energieübungen, Ernährungsempfehlungen und Tools zur Entwicklung der eigenen, starken Lebensvision. Damit ausgerüstet, kann man sich den Gefahren stellen und sie als Wachstumsmöglichkeit nutzen. Der Seeleninfarkt als die große Bedrohung unserer Zeit - darauf antwortet mein Buch. Sinn zu finden und in den Augenblick einzutauchen -das ist die seine Kern-Botschaft.



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